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Die große Elmshorner Sturmflut 16./17. Februar 1962

Ein Bericht in dne Elmshorner Nachrichten am 18. Februar 1962  

Die Sturmflutkatastrophe, die in der Nacht zum  Sonnabend über Elmshorn hereinbrach, hat nach ersten Schätzungen einen Schaden von etwa 30 Mill. Mark verursacht. Bis auf wenige Häuser in den Außenbezirken stand die gesamte Stadt Elmshorn unter Wasser. Besonders groß sind die Verwüstungen im Stadtzentrum. Es gibt kein Geschäft, in dem nicht große Wasserschäden zu verzeichnen sind. Die Sturmflut drang in Elmshorn mit der Gewalt eines reißenden Stromes ein. Trotz der großen Verwüstungen kann Elmshorn noch vom Glück reden. Die Sturmflut hat in unserer Stadt keine Todesopfer gefordert.

   Als am Freitagabend die ersten Böllerschüsse über die Stadt halten, ahnte niemand, dass sich binnen weniger Stunden eine Flutkatastrophe ereignen würde, wie sie die Geschichte Elmshorns noch nicht kennt. Selbst das große Hochwasser im Jahre 1916 ist vergleichsweise zu der Sturmflut des Jahres 1962 ein harmloses Naturereignis zu nennen. Diesmal erreichte die Sturmflut Stadtteile, die sonst vom Hochwasser verschont blieben.

   Als sich die große Flut voll entfaltet hatte, stand das Wasser bis Papenhöhe, Kaltenweide und auf Langelohe. Verhältnismäßig glimpflich dagegen verlief die Sturmflut in den nach Klostersande zu gelegenen Stadtteilen.

Eine riesige Flutwelle

In der Königstraße wird in Höhe des Tabakgeschäftes Gustav Geber eine provisorische Stöpe errichtet.

In der Königstraße wird in Höhe des Tabakgeschäftes Gustav Geber eine provisorische Stöpe errichtet.

   Gegen 23 Uhr abends schien die steigende Flut das noch das in Elmshorn bereits seit Jahren gewohnte Naturschauspiel zu sein. Am Hafen stellten sich zahlreiche Schaulustige ein. Der größte Teil der Elmshorner Bevölkerung hatte sich bereits zu diesem Zeitpunkt zur Ruhe begeben. Niemand ahnte, dass eine riesige Flutwelle von der Küste her die Elbe in Richtung Hamburg herunterraste, Deiche brach und große Verwüstungen anrichtete. Nur in den sonst auch hochwassergefährdeten Gegenden am Hafen und in der Königstraße herrschte zu diesem Zeitpunkt Großalarm. In aller Eile verbarrikadierten zahlreiche Geschäftsleute ihre Eingänge, brachten wertvolle Waren in Sicherheit, während in den Häusern die Kellerfenster mit Sandsäcken und Ziegeln dichtgemacht wurden. Das war gegen 23 Uhr.  

Es begann um 0.30 Uhr

   Der starke Sturm, der als Vorbote der Flut über Elmshorn raste, riss nicht nur zahlreiche Ziegeln von den Hausdächern, sondern drückte auch bei der Firma Ramelow und bei der Firma Wiethe die großen Schaufensterscheiben ein.

   Nachdem sich die Straße Vormstegen, der Marktplatz und einige andere Straßen mit Wasser gefüllt hatten, brach gegen 00.30 Uhr eine regelrechte Springflut über die Stadt herein. Wie ein entfesselter schmutzig brauner Fluss wälzten sich die Fluten durch die Königstraße, Holstenstraße, Schulstraße und setzten die gesamte Innenstadt unter Wasser. Da die eigentliche Hochflut aber erst um 3.00 Uhr erwartet wurde, kam bei vielen Elmshornern, die das Eindringen der Wassermassen miterlebt hatten, eine Panikstimmung auf. Es wurde zur Gewissheit, dass es diesmal zu einer großen Sturmflutkatastrophe kommen würde, wie sie die Stadt noch nicht erlebt hatte.

Die Zivilisation bricht zusammen

Innerhalb kurzer Zeit brach die gesamte Stromversorgung zusammen. Es gab kein Telefon, kein Licht, kein Radio, kein  Gas, kein Wasser. Alle Schutzmaßnahmen erwiesen sich als völlig unzureichend. Elmshorn war in dieser Nacht bis weit in den nächsten Tag hinein von allen Nachrichtenverbindungen abgeschnitten. Der Wasserstand erreichte in der Stadtmitte eine Höhe von über einen Meter, stellenweise war die Flut noch höher. Die Strömung glich einem reißenden Fluss, so dass Schlauchboote nicht eingesetzt werden konnten. In vielen Häusern drang das Wasser in die Wohnungen, so dass die Bewohner auf Tischen Zuflucht nehmen mussten.

Die Bundeswehr im Einsatz

Die Bundeswehr im Einsatz in der Königstraße.

Die Bundeswehr im Einsatz in der Königstraße.

Auch Elmshorns Polizeigebäude, in dem sich während des ganzen letzten Tages die eigentliche Kommandozentrale der Hochwasserbekämpfung befand, war zeitweilig völlig von der Außenwelt abgeschlossen. Es bestand kein Funkverkehr. Bereits gegen 21 Uhr waren 150 Bundeswehrangehörige von der Glückstädter Marine zum Einsatz nach Elmshorn gerufen worden. Mit großen Spezialmotorfahrzeugen fuhren die Soldaten später durch die hochwasserüberfluteten Straßen, um aus Häusern, aus denen Hilferufe drangen, die hochwassergefährdeten Menschen zu retten. Während einer solchen Hilfefahrt stürzte auch eines der schweren Fahrzeuge am Flamweg in ein von den Fluten gerissenes Loch und blieb schwerbeschädigt liegen. Die auf dem Fahrzeug befindlichen Soldaten kamen alle mit dem Schrecken oder geringfügigen Verletzungen davon. Das in der Stadt am nächsten Tage in Umlauf gebrachte Gerücht, bei diesem Unglück habe es Tote und Schwerverletzte gegeben, entspricht nicht den Tatsachen.

Das umgekippte Fahrzeug wurde am nächsten Morgen durch die Firma Junge abgeschleppt. Während des Wassereinbruchs bekämpften die Soldaten der Bundeswehr, häufig bis zur Hüfte im Wasser stehend, einen heldenhaften, aber vergeblichen Kampf, gegen das in die Geschäftsräume und Häuser eindringende Wasser. Die jungen Soldaten arbeiteten bis zur völligen Erschöpfung. Viele von ihnen mussten wegen Unterkühlung ins Elmshorner Krankenhaus gebracht werden. 

Selbstlose Helfer

Bei der Hochwasserbekämpfung hervorgetan haben sich auch in ganz besonderer Weise zahlreiche junge Elmshorner, die sich in selbstloser Weise dafür einsetzten, dass das Eigentum von Bürgern vor den Fluten gerettet wurde. In der Straße am Sandberg arbeiteten viele Stunden junge Leute, um hochwassergefährdete Schweine aus ihren nach der Krückau gelegenen Ställen zu retten. Knietief im Wasser stehend, und oft bis zur Hüfte versinkend, schleppten sie einen Teil der ängstlich quietschenden Schweine   ans trockene Land. Zahlreiche andere Tiere wurden in vielen unter Wasser stehenden Ställen ein Opfer der Flut.

Auf Tische gerettet

Als am anderen Morgen Elmshorn, soweit es überhaupt in dieser Sturmflutnacht zur Ruhe gekommen war, aufwachte, fand es sich von Wassermassen eingeschlossen. Jetzt begann der eigentliche Einsatz der Rettungsmannschaften. Im städtischen Altersheim standen die Baracken unter Wasser. Die alten Leute hatten sich auf die Tische gerettet, bewahrten aber, trotz der gefahrdrohenden Flut eine vorbildliche Haltung. Das ist nicht zuletzt den im Altersheim tätigen Schwestern zu verdanken, die den alten Leuten Trost und Mut zusprachen, so dass die vom Wasser bedrohten Insassen das schreckliche Ereignis sogar mit Humor trugen. Das Elmshorner Technische Hilfswerk erlöste die auf den Tischen kauernden Altersheimbewohner schließlich aus ihrer gefährlichen Lage.   

Plünderer unterwegs 

Das Technische Hilfswerk zeigte bei diesem Katastropheneinsatz eine Umsicht und Einsatzkraft, die allgemeine Anerkennung findet. Fachkundig und mit erstaunlicher Schnelligkeit stützen sie Mauern einsturzgefährdeter Häuser und beseitigen Gefahrenherde. Als am Sonnabend die ersten Obdachlosen vorübergehend in der Mittelschule Aufnahme fanden, ereigneten sich in der Stadtmitte unliebsame Vorfälle. Die ersten Plünderer waren unterwegs, um sich an dem durch das Hochwasser angetriebene Eigentum zu bereichern. Die Polizei machte diesem schändlichen Treiben rasch ein Ende. Auch wurden die vom Wasser angetriebenen Fernsehgeräte, Radios, Kleinmöbel und Matratzen sichergestellt.

Die Schule Langelohe, die sich noch völlig im Trockenen befand, wurde für den Eventualfall mit Betten eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt rechnete man in Elmshorn mit der Möglichkeit einer weiteren Sturmflut. Mit Windeseile verbreitet sich das Gerücht, dass das nächste Hochwasser noch um ein Meter höher als die Flut, die in der Nacht über die Stadt hereingebrochen war, eintreffen würde. Glücklicherweise bewahrheiteten  sich diese bösen Voraussagen nicht. Das Wasser senke sich in der Innenstadt sogar sehr rasch, so dass am Sonnabendvormitttag bereits die Schulstraße wieder für den Fahrzeugverkehr freigegeben werden konnte.

Am Lönsweg steht das Wasser

Das Wasser ist bis in den Lönsweg zur Firma Kronen Polstemöbel von Walter König vorgedrungen.

Das Wasser ist bis in den Lönsweg zur Firma Kronen Polstemöbel von Walter König vorgedrungen.

Am übelsten spielte jetzt die Flut den Bewohnern in der Gegend des Lönsweges mit. Als die ersten Pumpen in Aktion traten, floss das Wasser zu einem erheblichen Teil in diese Gegend, so dass sich der Wasserspiegel bis Sonntagnacht dort nicht merklich senkte, sondern noch anstieg. Zusätzliche Bundeswehreinheiten, die zu Ausbesserungsarbeiten an gefährdeten Stellen im Krückaudeich eingesetzt werden sollten, kamen ohne Geräte nach Elmshorn. Die Stadt musste für diese Einheit erst in einem Geschäft 20 Spaten kaufen. 

Auch die Verpflegungslage für die im Katastrophengebiet befindliche Männer gestaltete sich zunächst äußert schwierig. Eine sofort angeforderte Gulaschkanone traf aus Kiel erst am Sonntagnachmittag ein. Mit dünnen Suppen, die in aller Hast zubereitet werden müssen wurden die Helfer in der Not abgespeist. Schließlich holte man aus Voßloch Essen, jedoch waren diese Portionen bei weitem nicht ausreichend.  

Einsturzgefahr

Die Gaststätte "Zur alten Mühle" am Mühlendamm wird schwer beschädigt.

Die Gaststätte „Zur alten Mühle“ am Mühlendamm wird schwer beschädigt.

Als sich die ersten Elmshorner dann in die Innenstadt begaben, mussten sie mit erschrecken feststellen, dass diese Katastrophe ein Ausmaß von Schäden hervorgerufen hatte, die nur mit dem Wort katastrophal bezeichnet werden kann. Das Haus von Fisch-Fock war unterspült und drohte einzustürzen. Die Druckerei Modrow musste mit Stützbalken vor dem Einsturz gesichert werden. Aus der Alten Mühle war von den reißenden Fluten die Eckwand herausgebrochen worden, so dass man freien Einblick in die Gaststube und eine im Obergeschoß befindliche Wohnung hatte. Am Flamweg, in der Marktstraße, am Sandberg und an anderen Stellen der Stadt hatte das Wasser das Pflaster aufgerissen, und die Straßen boten ein chaotisches Bild der Verwüstung.   

Brot aus Quickborn

Die Brotversorgung Elmshorns drohte zu diesem Zeitpunkt zusammenzubrechen. Nur drei kleine Bäckereien konnten noch Brot liefern. Am Sonntag schickte man schließlich einen Lastwagen zu einer Großbäckerei nach Quickborn, der noch vollbeladen zurückkehrte. Dieses Brot wird heute verteilt. Eine zweite Ladung Brot aus Quickborn konnte allerdings nicht mehr geholt werden, weil inzwischen diese Bäckerei in Großeinsatz das vom Hochwasser noch schlimmer bedrohte Hamburg beliefert hatte. Inzwischen sickerte auch in Elmshorn die ersten Meldungen vom wirklichen Ausmaß der Katastrophe durch. Es wurde bekannt, dass nicht allein Elmshorn schwere Schäden erlitten hatte, sondern die Sturmflut noch weitere Städte und Landstriche heimgesucht hatte. In Hamburg gab es zu diesem Zeitpunkt bereits 60.000 Obdachlose. Unzählige Menschen waren ertrunken, und  auf den Dächern vieler Häuser hatten die Bewohner Zuflucht gefunden.   

Stadtwerke Tag und Nacht im Einsatz

Während sich das Wasser nach und nach verlief und nur noch in den tiefer gelegenen Stadtteilen eine Gefahr bildete, waren bereits die Männer der Stadtwerke unterwegs, Ununterbrochen, Tag und Nacht haben sie die Schäden an Gasrohren, elektrischen Leitungen und am Telefonnetz repariert. Schließlich konnte bereits am Sonntagvormittag wieder das erste Gas in die Häuser geliefert werden. die Wasserversorgung wurde einigermaßen sichergestellt und in den nicht vom Wasser heimgesuchten Stadtteilen brannte wieder stundenweise das elektrische Licht.

Wie Bürgermeister Ulbrich mitteilte, verdankt die Stadt Elmshorn die schnelle Gasanlieferung der neuen Gasanlage. Frisches Wasser, das zur Aufbereitung des Gases notwendig ist, wurde noch nachts mit einem Tankwagen nach Elmshorn gebracht. Mit Spezialfahrzeugen der Bundeswehr ist den noch immer eingeschlossenen Bewohnern Hilfe zuteil geworden. Es sind Lebensmittel in genügender Menge in die vom Hochwasser eingeschlossenen Häuser gebracht worden.

Ergänzendes Schreiben von Herrn Dieter-Siegfried Nebel (StFw a.D.) vom 27. Juli 2016:

Sehr verehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich den Artikel über die große Sturmflut vom 16./17.Februar 1962 in Elmshorn gelesen.
Da ich selbst als junger Luftwaffensoldat aus Ütersen bei der Hilfsaktion in der Nacht Freitag/Samstag dabei war, bin ich sehr erstaunt daüber das sie nur die Marinesoldaten als HILFE erwähnen.
Ich war auch einer der Soldaten die auf dem in das Loch gefahrene Bundeswehrfahrzeug saß.
Ich war sehr und bin stolz darauf bei der Rettungsaktion in Elmhorn dabei gewesen zu sein.
Wir ,die Luftwaffensoldaten aus Ütersen,waren schon vor Ort, als das Wasser noch nicht da war.
Wir waren bei Rettung der Waren in einigen Läden und bei der Evakuierung einer Kneipe, in der damals gefeiert wurde und die Feiernden das Kommen der Flut nicht mitbekamen, in der Innenstadt eingesetzt.Nach der Flut waren wir noch einige Zeit bei den Aufräumungsarbeiten in der Umgebung eingesetzt.
Wir wurden für den Einsatz während und nach der Sturmflut mit dem Verdienstorden Schleswig Holstein ausgezeichnet.


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