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  • Zerstörte Schaufensterscheiben des Fotogeschäftes Hermann Koopmann (rechts im Bild) in der Holstenstraße am 3. Mai 1941
  • Viele der 61 Bombenopfer des großen Angriffs vom 3. August 1943 wurden auf dem Elmshorner Friedhof in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Im 10. Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten standen SA-Männer an der Grube mit den Särgen der Opfer des Krieges, den ihr Führer entfacht hatte.

Elmshorn im Luftkrieg 1939 -1945

Ein Beitrag von Per Koopmann, erschienen im Band 3 der Beiträge zur Elmshorner Geschichte (1989/Auszug)

Bei Kriegsausbruch am 1. September 1939 hatte Elmshorn 22 243 Einwohner. Die wehrpflichtigen Männer waren eingezogen und an der Front, die in der Heimat gebliebenen hatten in öffentlichen Anlagen Splittergräben in Zickzackform ausgehoben und die Fenster und Eingänge der Luftschutzkeller mit Sandsäcken oder Steinmauern gesichert. Die „Schutzräume“ waren durch Holzbalken verstärkt, über die Stadt verteilt waren „Rettungsstellen“ eingerichtet, und jedes Haus hatte Sand, Wassereimer, kleine Handspritzen und „Feuerpatschen“ in Griffnähe bereitgestellt. Die Dachböden waren so man den öffentlichen Aufrufen gefolgt war „entrümpelt“, und nachts war die totale Verdunklung angeordnet.

  Den ersten Fliegeralarm erlebte die Stadt Elmshorn am 9. September 1939. Hastig ergriffen die Bürger ihr vorbereitetes „Luftschutzgepäck“ mit Dokumenten und Wertsachen und eilten in die ihnen zugewiesenen Keller. Offenbar hatten einzelne britische Flugzeuge einen Aufklärungsflug unternommen und den nächtlichen Alarm ausgelöst. Von Bombenabwürfen auf das Reichsgebiet ist nichts bekanntgeworden.

  Anders verlief der Fliegeralarm am 18. Mai 1940, als viele neugierige Elmshorner aus der Ferne den ersten Angriff auf die Hansestadt Hamburg miterlebten, bei dem etwa 30 Bomber 80 Spreng- und 400 Brandbomben warfen und 39 Menschen getötet wurden.

   Von nun ab gab es fast jede Nacht „Alarm“, der meistens zwei bis drei Stunden dauerte, auch wenn das Stadtgebiet zunächst verschont blieb. Doch schon Mitte 1940 fielen in Uetersen 12 Sprengbomben und töteten ein 5jähriges Kind, während einen Monat später auch auf Elmshorner Gebiet – in Sibirien neun Sprengbomben niedergingen.

  Diese „Notabwürfe“ britischer Bomber, die ihr Ziel nicht gefunden hatten und sich ihrer gefährlichen Last irgendwo entledigten, hatten auch in kleineren Städten und auf dem Lande eine terrorisierende Wirkung, die von der Royal Air Force auch als solche eingeplant war. Sie schürte aber auch Hass auf die „Luftpiraten„, und als im September 1940 ein zweimotoriger „Hamburg-Bomber“, eine britische „Hampden-Maschine“, von der Flugabwehr abge-
schossen und in Raa bei Elmshorn abstürzte, nahm man diesen Abwehr-Erfolg mit großer Genugtuung auf und verfluchte die vierköpfige Besatzung die  sich mit Fallschirmen hatte retten können.

 Der erste Angriff auf Elmshorn

 Ein Jahr nach Kriegsbeginn zählte man in Elmshorn bereits 100mal- meist nächtlichen Fliegeralarm. Wenn auch noch nichts Schwerwiegendes geschehen war, so hatten diese „Störungen“ – besonders für alte Mitbürger, Kleinkinder und Schulpflichtige – doch eine zermürbende Wirkung. Es ist sicher verständlich, wenn eine gewisse Gewöhnung eintrat und manche Bürger schließlich bei Alarm auch mal nicht in den Keller gingen. So wurden viele Elmshorner in der Nacht zum 3. Mai 1941 durch eine gewaltige Explosion aus dem Schlaf gerissen und – von Schreck und Angst ergriffen – in den nächstgelegenen Keller gejagt. Die Detonation einer Luftmine, 1000 oder aber auch 2000 lbs schwer und wahrscheinlich an einem Fallschirm hängend, hatte auf Kaltenweide fünf Häuser zerstört und bis weit in die Innenstadt hinein fast 60 große Laden- und über 3000 Fensterscheiben zersplittern lassen.

Zerstörte Schaufensterscheiben des Fotogeschäftes Hermann Koopmann (rechts im Bild) in der Holstenstraße am 3. Mai 1941

Zerstörte Schaufensterscheiben des Fotogeschäftes Hermann Koopmann (rechts im Bild) in der Holstenstraße am 3. Mai 1941

  Aus den Trümmern auf Kaltenweide barg man den ersten Bombentoten der Stadt, den  Gärtnermeister Oeding, und zwei Schwerverletzte, darunter eine Frau, die man erst nach fünf langen Stunden in ihrem Bett liegend unter ihrem Haus begraben fand! 20 Mitbürger erlitten leichtere Verletzungen, und als einige Tages später auch aus Hamburg eine Serie schwerer Angriffe mit hohen Verlusten gemeldet wurden, wusste oder ahnte die Bevölkerung, dass der „Luftkrieg an der Heimatfront“ nunmehr eine neue bedrohliche Dimension erreicht hatte.

  In der Nacht zum Palmsonntag 1942 sank die alte Hansestadt Lübeck in Schutt und Asche, und zwei Monate später führten 1000 Bomber ihren berüchtigten Angriff auf Köln. Der erste große „Brandangriff‘ mit Phosphorbomben traf in der Nacht vom 26./27. Juni 1942 besonders die Innenstadt von Hamburg und tötete 494 Menschen. Die Elmshorner Feuerwehr wurde hier ebenso zur Hilfestellung eingesetzt , wie später in Wedel und Kiel.  

  Anfang Februar 1943 werden Schüler der Elmshorner Bismarckschule als „Luftwaffenhelfer“ eingezogen. So stehen 15jährige Elmshorner im Harburger Raum an schweren Flakgeschützen, als im Juli 1943 die „Schlacht um Hamburg“ beginnt.

 Der schwerste Angriff auf die Stadt

 Seit dem ersten verheerenden Nachtangriff der „Schlacht um Hamburg“ in den frühen Stunden des 25. Juli 1943, den der englische Luftmarschall Sir Arthur Harris und dem zynischen Begriff „Unternehmen Gomorrha“ befohlen hatte, waren an drei darauffolgenden Tagen amerikanische Superfestungen gegen die Hansestadt geflogen und hatten das Vernichtungswerk fortgesetzt. Zwei weitere Nachtangriffe der Briten „in Maximalstärke“ folgten und entfachten den „Feuersturm„, der als beispielloser Wahnsinn der Vernichtungswut gegen Wehrlose und Unschuldige in die Geschichte eingegangen ist.

  Die Elmshorner hatten diese sechs Angriffe auf ihre große Nachbarstadt in ihren Schutzräumen erlebt und das Donnern der fernen Detonationen bedrohlich wahrgenommen. Als sie ihre Luftschutzkeller verlassen konnten, sahen sie den Himmel im Südosten glutrot gefärbt und am Tag eine riesige schwarze Wolkenwand über der Hansestadt.

  Die in Hamburg ausgebombten und vor der Hölle fliehenden Menschen waren schon seit dem ersten Angriff mit der Bahn, mit Omnibussen und Lastwagen nach Elmshorn gekommen und hatten Schreckliches berichtet. Tausende der schließlich fast eine Million Hamburg-Flüchtlinge, die nach Holstein und Niedersachsen entkommen konnten, wurden hier von freiwilligen Helfern verpflegt, mit Kleidungsstücken versehen und ärztlich versorgt. In den nächsten Tagen erwarteten alle weitere Angriffe, dennoch gab es Stadtteile in Hamburg, die nicht betroffen waren. Doch der englische Vernichtungsstratege „Bomber Harries“ hatte – aus ungeklärten Gründen – den leidgeprüften Hamburgern eine Gnadenfrist von vier Tagen und drei Nächten gewährt, an denen keine weiteren Bomben fielen.

  Auch die Elmshorner Bürger erlebten diese Frist wie eine unheimliche „Ruhe vor dem Sturm“, der dann tatsächlich in der Nacht zum 3. August 1943 als in der Stadtgeschichte größte Katastrophe über ihre Stadt hereinbrechen sollte. Das „Unternehmen Gomorrha„, das der von seinen Bomberbesatzungen „Butcher„, zu Deutsch „Schlachter„, genannte Luftmarschall Harries sich ausgedacht hatte und welches Hamburg „ausradieren“ sollte, traf in dieser Nacht Elmshorn am schwersten von weiteren mindestens einem Dutzend Zielen im Umkreis von 100 Kilometer um den gesetzten Anflugpunkt nördlich der Außenalster in Hamburg.

  Im Wachbuch des Beobachtungspostens auf dem Turm der Nicolai-Kirche ist minutiös aufgezeichnet, wie sich die Zielsuche der durch Gewitter und schlechte Sicht behinderten „Pfadfinder“ den mit Bild-Radar ausgestatteten Markierungsflugzeugen über fast eine Stunde hinzog, bis die nachfolgenden viermotorigen Bomber in einem über 50 Minuten dauernden Bombardement ihre tödliche Fracht aus 5000 bis 6000 Meter Höhe über der Stadt „abluden“. Tapfer auf seinem gefährlichen Posten ausharrend, hat der Turmbeobachter die Meldungen über die einzelnen Bombenabwürfe an die Befehlsstelle durchgegeben, mit der er durch ein direktgeschaltetes Feldtelefon verbunden war. Das Original des Wachbuches – aus Platzgründen hier nur im Auszug wiedergegeben – enthält dreimal so viele Eintragungen.

Aus dem Wachbuch des Turmbeobachters von St. Nicolai vom 3.8.1943

(Auszug)
Windrichtung: S
Sicht: schlecht/Regen
1.02 Uhr
Fliegeralarm – akustisch
1.03 Uhr
S Feuerschein einer Brandstelle (vom Gewitter)
1.20 Uhr
alles ruhig. Brand im S. ist nicht weit weg
1.26 Uhr
NW schweres Flakfeuer
1.40 Uhr
NW Scheinwerfertätigkeit und Motorengeräusche
1.43 Uhr
SSO Feuerschein (Hellgrau, wahrscheinlich Brandbomben)
NW Flakfeuer und Motorengeräusch. W ein Leuchtschirm.
1.44 Uhr
W heller Feuerschein, Motorengeräusch über uns
1.49 Uhr
SO zwei Leuchtschirme
1.56 Uhr
SO drei grüne „Tannenbäume“
1.57 Uhr
SO vier grüne Leuchtraketen (neu, Flak schießt danach)
1.58 Uhr
Motorengeräusche über uns. SO, aus den 4 grünen fallen neue
Rote Leuchtraketen
1.59 Uhr
SW Bombeneinschläge
2.01 Uhr
NW Einschläge in Elmshorn
2.02
Eine Lage Brandbomben über Königstraße Richtung
Bahnhof, Stadt taghell
2.08 Uhr
Holzplatz Junge brennt
2.09 Uhr
Motorengeräusch überall nach
W Bombenabwürfe
2.19 Uhr
Bis 2.54 Serienabwurf in S (nah)
Brand- und Sprengbomben ununterbrochen im Stadtgebiet
2.56 Uhr
Motorengeräusch ziemlich verstummt
3.32 Uhr
Entwarnung – akustisch
3.37
Explosionen.
 

Ein Augenzeuge berichtet

Zusammen mit den letzten Juli-Tagen des von der Hamburger Bombenkatastrophe gekennzeichneten Sommers war auch eine sehr heiße Wetterperiode zu Ende gegangen. Mit Beginn der ersten Augustwoche hatte einsetzendes Regenwetter die herbeigesehnte Abkühlung gebracht. Als auch noch ein Gewitter aufzog, waren wir in Elmshorn nach anstrengenden und aufgeregten Tagen und Nächten in dem Bewusstsein zur Ruhe gegangen, dass der „Tommy„, die englischen Bomber, uns in dieser Nacht wahrscheinlich in Ruhe lassen würden. Doch wir sollten uns getäuscht haben. Um zwei Minuten nach ein Uhr heulten die Sirenen. Über 300mal haben wir in den vergangenen Jahren diese Angst beschwörende Alarmierung erlebt, doch diesmal greifen wir hastiger zu unseren Kleidern, sind wir schneller auf der Straße. Es regnet in Strömen und grelle Blitze – gefolgt von heftigem Donner – zucken durch die Nacht. „Bei den Regen ist das sicher nur eine Störangriff, das ist kein Fliegerwetter“ meint mein Vater, der im Ersten Weltkrieg selber geflogen ist und jetzt beim „Luftschutz“ Dienst macht. Und wie er denken viele in diesen Minuten des beginnenden Dienstages, des 3. August 1943.

  Während die Mutter in den Keller einer ein paar Häuser weiter liegenden „Luftschutzgemeinschaft“ geht, muss ich in die Befehlsstelle der örtlichen Luftschutzleitung wo ich seit Anfang des Jahres als Melder eingesetzt bin. Zusammen mit einem weiteren Schüler bediene ich dort eines der beiden Feldtelefone. Vom örtlichen Fernsprechnetz unabhängig ist der Apparat, den ich in dieser Nacht besetze, mit dem Beobachtungsposten auf dem Kirchturm von St. Nicolai verbunden. „Turmbeobachter auf Posten“ meldet sich dieser routinemäßig , und er berichtet von einem Feuer, welches – offenbar durch Blitzschlag entzündet – in  südlicher Richtung „nicht weit weg“ zu sehen ist. (Tatsächlich brannte in dieser Nacht der Bauernhof Kalandt in Uetersen/Lohe, etwa sieben Kilometer von Elmshorn.)

  Wenngleich ansonsten „Alles ruhig“ gemeldet wird, löst die Nachricht in der Befehlsstelle Besorgnis aus, denn schon wenig später heißt es „schweres Flakfeuer, Scheinwerfertätigkeit und Motorengeräusch“. Etwa 40 Minuten nach dem akustischen Fliegeralarm sieht der Turmbeobachter in Südsüdosten (Richtung Schenefeld bei Hamburg) und im Westen (Richtung Kollmar) jeweils zwei helle Feuerscheine, die „wahrscheinlich“ von Brandbomben herrühren, außerdem den ersten Leuchtschirm (W) und sechs Minuten später zwei weitere im Südosten (Richtung Pinneberg).

  Auf einer Landkarte werden die Richtungen dieser Leuchtmarkierungen eingezeichnet, jetzt – vier Minuten vor zwei Uhr – drei grüne „Tannenbäume„, dann – eine Minute später- vier grüne „Tannenbäume“  (das sind wie Christbäume aussehende Flächenleuchten an Fallschirmen) wieder im Südosten. Zwar versucht die Flak jetzt, die gefährliche Beleuchtung abzuschießen, aber schon fallen rote Raketen und melden der Turmbeobachtung „Motorengeräusche über uns“ und Bombeneinschläge im Südwesten , und – um genau eine Minute nach zwei Uhr – fallen die ersten Sprengbomben auf das Stadtgebiet im Nordwesten und Sekunden darauf  „eine Lage Brandbomben“ auf die Königstraße „in Richtung Bahnhof„. „Die Stadt ist taghell„, „Motorengeräusch über uns, Brandbomben explodieren in den Straßen„, „Bombeneinschläge im Nordosten der Stadt“ (Friedensallee?), im Osten (Langelohe)?, im Süden (Klostersande), „Holzplatz Junge brennt“ und „anhaltendes Motorengeräusch überall„. Ich kann so schnell kaum mitschreiben, wie diese Hiobsbotschaften einlaufen. Revierleutnant Möller lässt sich den Hörer geben und spricht alle Meldungen wie eine laufende Reportage mit, so dass alle in der Befehlsstelle den Angriff verfolgen können, der, darüber bestehen nun keine Zweifel mehr, unserer Stadt gilt.

Befehlsstelle der örtlichen Luftschutzleitungv.l. sitzend: Albert Hirschfeld, Arthur Fehrs, Hans Letje, Paul Junge, Max Prechel, Willi "Putz" Möller, Dr. Johannes Göttsche, Magda Stieler. Stehend v.l.: 3 Melder mit Klaus Mohr (Mitte), Christian Meissner, Otto Reiss und Karl Prehm.

Befehlsstelle der örtlichen Luftschutzleitung,  v.l. sitzend: Albert Hirschfeld, Arthur Fehrs, Hans Letje, Paul Junge, Max Prechtel, Willi „Putz“ Möller, Dr. Johannes Göttsche, Magda Stieler. Stehend v.l.: 3 Melder mit Klaus Mohr (Mitte), Christian Meissner, Otto Reiss und Karl Prehm.


  Über die zweite Direktleitung setzt der Chef der Polizei, Revieroberleutnant Prehm, die für die Hilfsmaßnahmen entscheidende Meldung an die übergeordnete Leitstelle ab: „Katastrophenalarm für Elmshorn.“

   Während die ersten Brände in der Königstraße in manchen Häusern durch beherzte Selbstschutzkräfte noch eingedämmt werden können, brennen Holzplatz und Junge´sche Mühle an der Mühlenstraße lichterloh. Zwei weitere – im Abstand von vier Minuten wiederum im Südosten gesetzte Tannenbäume – sogenannte Nachmarkierungen der „Pfadfinder-Bomber„, weisen den nächsten Angriffswellen den Weg, welches durch das Großfeuer auf dem Holzplatz Junge ebenso eindeutig wie verhängnisvoll markiert ist. Es beginnt ein nicht enden wollendes fast fünfstündiges Bombardement, durch das besonders das Gebiet östlich der Bahn von der Jürgenstraße bis zur kleinen Gärtnerstraße, aber auch auf der Altstadt-Seite die Holstenstraße, die Parallelstraße und andere Viertel entlang der Bahnstrecke nach Glückstadt betroffen sind.

  Das Licht des örtlichen Netzes fällt nach einer Serie schwerer Sprengbombeneinschläge, die auch die dicken Wände des Befehlsstandes erzittern lassen, aus. Im Schein von Notleuchten tasten wir uns durch den Raum. „Draußen ist die Hölle los„, berichtet ein hereinstürzender Polizeibeamter, dessen Gesicht rußgeschwärzt ist. „Die ganze Stadt brennt, über den Bahnübergang kommt man nicht zum Bauerweg, ein Motorrad ist zwecklos, die Straßen sind durch Trümmer blockiert.“ Das ist das Zeichen für uns Melder. Der erste Einsatz unter kriegsmäßigen Bedingungen.

  „Sieh zu, dass du zum Sandberg durchkommst, da stehen am Ortsrand die Feuerlöschfahrzeuge aus Neuendorf und Kollmar. Stell fest, ob die Straßen passierbar sind und leite sie zur Genossenschaftsmühle (in der Schulstraße), dort werden sie eingesetzt.“ Irgendwer gibt mir noch ein nasses Handtuch. „Um den Hals binden und vor dem Mund halten„, sagt jener, der schon draußen gewesen war. Dann öffnet er die Stahltür des Kellers, und keine 20 Meter vor mir, auf der anderen Straßenseite, türmt sich glutrot und siedend heiß eine Feuerwand. Vor zwei Stunden stand hier noch unversehrt das alte Gebäude der Druckerei Kindt, jetzt eine Flammenhölle. Ein Blick in Richtung Holstenstraße, Bahnschranken: Feuer; Feuer überall. Jetzt höre ich auch das Prasseln der Flammen und das Krachen einstürzender Fassaden. Ich greife instinktiv nach meinem Schutzhelm und laufe nach rechts, wo neben mir das Stadtbauamt (Schulstraße 30) lichterloh brennt. Am Probstenfeld vorbei, wo links die Berufsschule und die Mädchenschule in Flammen stehen. Die Kleine Peterstraße, unpassierbar, die Fabrik von Mahncke-Mohr und anderer Häuser, ein Flammenmeer. Die aufkommenden sorgenvollen Gedanken „Wo sind die Eltern, steht das Haus noch, was ist mit dem Atelier?“ werden verdrängt, ich kämpfe mit der Hitze, dem Funkenregen und dem Rauch. Kaum Menschen auf der von Trümmern übersäten Straße; links die brennende Genossenschaftsmühle. Hier ist vielleicht noch etwas zu retten, weiter, nur weiter, Hilfe holen.

  Am Flamweg treffe ich auf Leute. „Durch die Gerberstraße kannst du nicht, da sind große Bombenkrater, vielleicht auch noch Zeitzünder oder Blindgänger.“ Der Flamweg und auch der Sandberg sind anscheinend  relativ gering betroffen. So komme ich bis zum Ortsrand durch, wo tatsächlich schon eine Feuerwehr aus der Marsch wartet. Kräftige Männerhände hieven mich auf das Dach des Löschfahrzeuges, zwischen Schläuchen und Gerät hockend dirigiere ich die Wehr durch die Straßen.

  An der Marktstraße kann ich die Männer alleine weiterfahren lassen. Ich laufe durch die Königstraße, hier sehe ich die Löschtrupps bei verzweifelter Brandbekämpfung. Bäckerei Ott ist ausgebrannt, ebenso die Schuhhäuser Salamander und Nero-Schlüter. Die Volksbank, gegenüber das Cafe Schrader und der schöne Holsteiner Hof, bis ins unterste Stockwerk in Flammen. Die Angst und die unerträgliche Hitze schnüren mir die Kehle zu, als ich in die Holstenstraße komme. Unser Atelier, unten das Schmuck- und Uhrenhaus Köhncke, daneben unser Fotogeschäft, der Stolz meines Vaters, alles steht in hellen Flammen; nichts ist mehr zu retten. Und so die ganze Straße, Haus bei Haus, in Mühen aufgebaut und blühende Existenzen sinken in Schutt und Asche. Tausende in der Stadt sind über Nacht brotlos geworden.

  Wir haben jedes Zeitgefühl verloren, es wird kein Tag, obgleich die Brände unter den schwarzen Qualmwolken die Straßen gespenstisch erleuchten. Und  immer noch Detonationen von den tückischen Zeitzünderbomben. In der Befehlsstelle sind inzwischen weitere Schreckensmeldungen eingegangen. Das Krankenhaus brennt, und die Patienten liegen unter freien Himmel vor dem Gebäude. Auch die Rettungsstelle in der Friedenstraße ist schwer getroffen; das dort stationierte Löschfahrzeug zerstört und der Feuerwehrmann Max Uebel tot.

  Am Bauerweg und auf Kaltenweide sind Menschen in Kellern unter den Trümmern eingeschlossen. Ich muss an meine Eltern denken, sie wissen noch nichts von mir, und ich weiß nicht, wie es ihnen geht. So geht es vielen in diesen Stunden in der Stadt. Angehörige suchen einander, helfen dem Nachbar oder sind in freiwilligen Organisationen eingesetzt, während sie selbst obdachlos werden.

  Erst nach Stunden und weiteren Einsätzen kann ich meine Eltern gesund in die Arme schließen. Tapfer, wie alle in dieser Nacht schwer heimgesuchten Bürger, tragen sie den Verlust ihrer Existenz und trösten sich, dass wenigstens die Privatwohnung erhalten blieb. Erst später – als es heller wird – finden wir im Esszimmer einen Blindgänger, eine Phosphorbrandbombe, die das Dach, die Decke und einen Tisch durchschlagen hat und – ohne zu zünden  – auf dem Teppich liegengeblieben ist. Wir müssen das Haus verlassen und verbringen die nächste Nacht – wie tausend andere Elmshorner auch – auf dem freien Feld außerhalb der Stadt.

  Mein Vater, der Fotograf Hermann Koopmann (1882 – 1951), hat eine 6/9 Kamera mit unserem Luftschutzgepäck gerettet, und so besorgen wir uns am nächsten Tag auf abenteuerlicher Weise streng kontingentierte Filme und ziehen fotografierend durch die Trümmer unser Stadt. Es entstehen die Bilddokumente, von denen ein diesem Bericht nur einige wenige Beispiele gezeigt werden können.

Nach dem Angriff: Bilanz des Schreckens

Durch den Angriff starben in Elmshorn 61 Menschen, 30 Männer, 29 Frauen und 2 Kinder. Unter den Toten war ein Feuerwehrmann und ein Soldat sowie neun französische Zivilarbeiter und zwei russische Kriegsgefangene, die fern ihrer Heimat ihr Leben ließen.

Viele der 61 Bombenopfer des großen Angriffs vom 3. August 1943 wurden auf dem Elmshorner Friedhof in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Im 10. Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten standen SA-Männer an der Grube mit den Särgen der Opfer des Krieges, den ihr Führer entfacht hatte.

Viele der 61 Bombenopfer des großen Angriffs vom 3. August 1943 wurden auf dem Elmshorner Friedhof in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Im 10. Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten standen SA-Männer an der Grube mit den Särgen der Opfer des Krieges, den ihr Führer entfacht hatte.


  30 Mitbürger wurden schwer verletzt und 120 leicht verletzt. 2435 Elmshorner, das waren 11% der damaligen Bevölkerung, wurden obdachlos und mussten anderweitig untergebracht werden.

  Nach Schätzungen warfen bis zu 70 viermotorige britische Bomber über 60 schwere Minen-Sprengbomben  (je mindestens 1000lbs), mindestens 1200 Phosphor-Brandbomben (je 30 lbs) und 10 000 bis 12 000 Stabbrandbomben.

  Totalschaden erlitten sieben Schulen, das Stadtbauamt und die Sparkasse sowie das Gebäude der NS-Volkswohlfahrt (Drückhammers Gang).

  Zerstört wurden ferner das Empfangsgebäude und die Güterabfertigung der Reichsbahn sowie ein Güterzug mit 25 Waggons. Auf der Strecke der Elmshorn-Barmstedter Bahn wurden in Höhe des Friedhofes die Gleise durch Sprengbomben aufgerissen.

  Vernichtet wurden zwölf Fabriken, fünf Mühlen, sechs Speicher und ein Silo. Zwei große Holz- und ein Dachpappenlager gingen ebenso in Flammen auf wie die zwei Buchdruckereien, ein großes Hotel und weitere mittlere und kleine Übernachtungs- und Gaststättenbetriebe.

  Schwer beschädigt wurden die Werft- und Hafenanlagen, das Krankenhaus, die Stiftskirche, das Finanzamt und das Gerichtsgefängnis. Außerdem wurden 254 Häuser total zerstört, 220 schwer und 1261 leicht beschädigt.

  Zur Beseitigung der größten Schäden wurden 145 Maurer, 25 Zimmerer, 51 Tischler, 76 Glaser, 50 Dachdecker, 60 Klempner und 86 Kriegsgefangene eingesetzt. Die Licht-, Gas- und Wasserversorgung war bereits am 5. August 1943 wieder in Ordnung.

  Zur Hilfeleistung kamen ca. 50 Feuerwehren aus den Kreisen Pinneberg und Steinburg, aber auch aus entfernten Städten der Provinz Schleswig-Holstein, aus Neumünster, Kiel und Schleswig ebenso wie aus Heide und Husum.

  Aus britischer Quelle ist bekannt, dass von den 737 Bombern, die in der von der  RAF sogenannten „Nacht des Gewitters“ eingeflogen, 35 Maschinen durch Witterungseinflüsse, Flak und Nachtjäger verlorengingen. Gestartet, um das „Unternehmen Gomorrha“ zu einem grauenhaften Ende zu bringen, hatten manche Piloten Hamburg nicht erreicht und waren auf Ziele im norddeutschen Raum ausgewichen. Während die meisten ihre Bombenfracht  „blind“ abwarfen, war Elmshorn, das unglücklicherweise in einem wolkenlosen Gebiet lag, als Ziel ausgemacht worden, und bis zu 70 Bomber entwickelten einen beträchtlichen Angriff.

  So schreibt es der englische Historiker Martin Middlebrook in seinem Buch „Hamburg  Juli´43“, und er schließt das Kapitel über den 3. August mit der Feststellung, dass weder der Stadt Hamburg noch irgendeinem anderen Ziel in Deutschland nennenswerte Schäden zugefügt wurden, ausgenommen nur der unglücklichen Stadt Elmshorn!

Weiterhin Alarme, Bomben, Zerstörungen, Tote

   Eine erste amtliche Zählung der Toten nennt 57 Gefallende. Fünf Männer und drei Frauen werden noch vermißt, auch sie findet man tot unter den Trümmern. In einer offiziellen Meldung von zwölf Zeilen, die das „Reichspropagandaamt Schleswig-Holstein“ herausgibt, heißt es „Die Verluste an Menschen sind erfreulicherweise gering“. Das Angriffsziel Elmshorn wird nicht genannt. In einer Traueranzeige, die der Gauleiter und Oberpräsident Lohse unterzeichnet, werden 36 Elmshorner namentlich genannt. So bleibt der Bevölkerung bis weit nach dem Krieg unbekannt, wie viele Mitbürger tatsächlich getötet wurden.

   Das an ihrem Tod die Juden schuld sein sollen, entspricht dem Denken der propagandistischen Ausnutzung des tragischen Geschehens für die Ziele des Nationalsozialismus. Das wird deutlich, wenn Gauleiter Lohse von einem „jüdisch-plutokratischen“ Bombenangriff spricht und wenn bei der Trauerfeier und der Beisetzung der meisten Opfer in einem Gemeinschaftsgrab ein Massenaufgebot von SA-Männern und anderen Uniformträgern des Regimes die Stunde der Trauer zur Demonstration ihrer fragwürdigen Macht missbraucht.

   Von der Bevölkerung weitgehend unbemerkt bleibt die lebensgefährliche Arbeit des Sicherheits- und Hilfsdienstes (S.u.H.) bei der Unschädlichmachung und Sprengung von Blindgängern und Langzeitzünderbomben. Hier sind unter der Leitung erfahrender Sprengmeister meistens auch Menschen im Einsatz, die als Zuchthäusler und KZ-Häftlinge einen undankbaren und sicher auch nie gedankten Beitrag für ihre Mitmenschen leisten.

   Weitere Alarme halten die Elmshorner in Atem, und während die Engländer die Nächte für ihre Angriffe bevorzugen, kommen die Amerikaner meistens am Tage. Bei einem solchen „Störangriff“ am 21. Mai 1944 erscheinen in der Mittagszeit  fünf US-Maschinen , die – nach Augenzeugen – nur etwa 600 Meter hoch fliegen und von denen eine Bombe ausgeklinkt wird, deren Fall bis Aufschlag auf der Wagnerschen Fabrik deutlich zu sehen ist. Fünf weitere Sprengbomben fallen in der Plinkstraße und in der Gegend der Stormstraße. Sie reißen Krater von sechs Meter Durchmesser und  richten Dach- und Fensterschäden an.

Nach Flugzeugabsturz gefangengenommen

Am 18. Juni 1944 bekommen einige Elmshorner auch Besatzungsmitglieder eines Bombers der 8. US-Army Air Force zu Gesicht. Bei einem morgendlichem Alarm meldet kurz nach zehn Uhr der Turmbeobachter auf St. Nicolai, dass „in Richtung Barmstedt“ eine Maschine abgestürzt und ein Fallschirm zusehen sei. Der Revier-Leutnant der Schutzpolizei Möller und ein Feuerwehrmann fahren mit dem Motorrad in Richtung Kaltenweide und treffen auf dem Grundstück des Bauern Meyn auf mehrere Bürger, die einen Mann in Fliegerkombination umringen. Dieser weist sich als Angehöriger der  USAAF aus, und weitere Papiere lassen erkennen, dass er schwedischer Staatbürger mit dem Namen Jeland Beckmann ist. Außer Notproviant, Landkarten und privaten Utensilien hat er 20 Geldscheine und eine Anweisung der „Bank of England“ in Höhe von fünf Pfund bei sich. Man bringt ihn zur Polizeiwache in der Adolf-Hitler-Straße (heute Schulstraße).

   Zur gleichen Zeit hat Bürgermeister Hell aus Kurzenmoor angerufen und gemeldet, dass über Seester/Seestermühe drei Fallschirme niedergegangen und inzwischen schon zwei „feindliche Flieger“ festgenommen sind.

   Nachdem auch diese beiden Amerikaner, die keine Ausweispapiere mit sich führen, abgeholt und in die Elmshorner Polizeiwache gebracht sind, überführt man die drei Amerikaner zunächst in das Gerichtsgefängnis und verständigt den Landrat in Pinneberg.

   Der US-Bomber, zu dem offenbar alle drei arretierten Besatzungsmitglieder gehören, ist auf der Chausssee nach Barmstedt in Höhe der Ortschaft Bokhorn aufgeschlagen und in Brand geraten. Er gehört zu einer Flotte von 800 Maschinen , die an diesem Morgen bei bedecktem Himmel einen ersten Großangriff auf Hamburg seit dem berüchtigten „Unternehmen Gomorrha“ geführt haben. An diesem Tag starben in Hamburg 408 Männer, 224 Frauen und 47 Kinder, 738 Menschen wurden verletzt  und 5 470 obdachlos.

Angriffe durch Jagdbomber

   Mit der sich immer mehr an Norddeutschland heranschiebenden Front kommen auch die Jagdbomber, die „Lightnings“ mit ihren charakteristischen Doppelrumpf. Im Tiefflugangriff werden Züge und Straßen, manchmal sogar einzelne Menschen und Vieh auf der Weide mit Bordkanonen und Maschinengewehren beschossen. Auf dem Bahnhof wird eine Lokomotive regelrecht „durchsiebt“ und ein Tanktransport der Reichsbahn in Brand gesch0ssen. Am 17. April 1945 ist „Kuddl Barmstedt“ das Ziel eines Tieffliegerangriffes, bei dem fünf Menschen getötet und 25 schwerverletzt werden.

   Die schwersten und verlustreichsten Angriffen aber fliegen die Jagdbomber zweimal an einem Tag: am Morgen des 26. April 1945  – einem Donnerstag – um 7 Uhr und am Nachmittag desselben Tages zwischen 18 und 18.30 Uhr. Diesmal werfen sie 101 schwere und mittelschwere Sprengbomben und töten  – eine Woche vor Kriegsende – noch einmal 89 Elmshorner, 41 Männer, 28 Frauen und 20 Kinder. Sechs Soldaten und vier Ausländer sind darunter. 16 Frauen, 10 Kinder, vier Wehrmachtsangehörige und drei Ausländer werden schwer verletzt und 38 Menschen werden leicht verletzt. Erneut werden 324 Elmshorner, das sind 1,5% der bei Kriegsende 30.132 Elmshorner und 2222 Ausländer angewachsenen Bevölkerung, obdachlos. 18 Gebäude werden bei diesen letzten beiden Angriffen total zerstört, 22 schwer, 53 mittelschwer und 251 leicht beschädigt.

   Während durch Bomben aufgerissene Gräber auf dem Friedhof die Totenruhe stören, bietet sich in Langelohe und ganz besonders an der Köllner Chaussee ein grauenhaftes Bild der Zerstörung und des Todes, das noch einmal die Erinnerung an den verheerenden Angriff vom 3. August 1943 heraufbeschwört. Erschütternde Einzelschicksale, in der Turbulenz dieser letzten Tage des Krieges kaum bekannt geworden, bilden das tragische Finale des mörderischen und sinnlosen Luftkrieges der Jahre 1939 bis 1945 in Elmshorn.

  Über 150 Bombentote in dieser Stadt erheben zusammen mit über 650 an den Fronten gefallenden Mitbürgern ihre schweigende Klage gegen den Krieg. Die Leiden der vielen Verletzten, der Obdachlosen und der um Hab, Gut und Existenz Gebrachten sind mahnende Verpflichtung für alle, dass sich diese Grausamkeiten nie wiederholen.

 

Abschrift von Arno Freudenhammer

 


 

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 


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